Kannengießerstraße (Braunschweig)

Kannengießerstraße
Wappen
Straße in Braunschweig
Kannengießerstraße
Kannengießerstraße nördliche Blickrichtung, am linken Bildrand die Brüdernkirche.
Basisdaten
Ort Braunschweig
Ortsteil Altstadt, Sack
Angelegt ab dem 14. Jahrhundert
Neugestaltet nach 1945
Hist. Namen Sackstrate, Kannengheterstrate, Kannengheiterstrate
Anschluss­straßen nach Norden: Hintern Brüdern;
nach Süden: Schützenstraße
Querstraßen nach Westen: Alter Zeughof
Bauwerke Brüdernkirche
Nutzung
Nutzergruppen Fußverkehr, Radverkehr, Autoverkehr

Die Kannengießerstraße in der Innenstadt Braunschweigs verbindet die nördlich gelegene Straße Hintern Brüdern mit der im Südwesten angrenzenden Schützenstraße. Die ehemals durch Fachwerkhäuser geprägte, beidseitig bebaute Straße verlor durch die Zerstörungen während des Zweiten Weltkriegs und nachfolgende Umgestaltungen ihren ursprünglichen Charakter.

Geschichte

Die Brüdernkirche von der Kannengießerstraße aus gesehen.

Die Kannengießerstraße gehörte westlich bis zum ehemaligen Haus Nr. 142 zum Weichbild der Altstadt und auf der längeren östlichen Seite zum Sack. Aus dem Jahr 1333 ist die Bezeichnung Sackstrate überliefert. Ein zum benachbarten Brüdernkloster führender Durchgang wird 1308 als valva fratrum minorum, 1334 als der barvoten brodher dor bezeichnet. Die neben dem Durchgang liegenden Häuser wurden 1339 mit dem Zusatz unde hebbet de hove to den brodern kekart und 1358 als by der brodern dore up der sackstrate beschrieben. Im Mittelalter waren in der Straße Kannengießer, Glocken- und Geschützgießer ansässig, die hier auch ihre Werkstätten betrieben. Bereits 1346 wohnte in der Sackstrate Godeke de kannengheter. Für das Jahr 1416 sind Hans und Luder Gropengheter und Tyle Kannengheter urkundlich nachweisbar. Die Bezeichnung Kannengheterstrate erscheint erstmals 1402, wobei der alte Name Sackstrate noch lange in Gebrauch blieb. So wird in den Schoßbüchern des Sacks bis 1541 ausschließlich die alte Straßenbezeichnung verwendet.

Als Kuriosum ist eine am 3. Juli 1819 in den Braunschweigischen Anzeigen erschienene Annonce zu vermerken, in der „Eine Laufmaschine, welche noch so gut wie neu, gegen einen billigen Preis, auf der Kannengießerstraße i[m] H[aus] 2707“ angeboten wurde. Eine derartige Laufmaschine war vom Erfinder Karl Drais erst zwei Jahre zuvor der Öffentlichkeit vorgestellt worden und war im Jahre 1819 eine Rarität.[1]

Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Fachwerkbauten der Kannengießerstraße völlig zerstört. Schwere Luftangriffe erfolgten am 9. September[2] und insbesondere am 15. Oktober 1944. Die Straßenführung wurde nach dem Krieg geändert. Während sie vormals nahezu geradlinig die Schützenstraße mit dem Schild verband, verläuft sie heute von der Schützenstraße kommend in einem nach Norden abknickenden Winkel zur Straße Hintern Brüdern.

Historische Bauten

Im Haus Nr. 2696 wohnten seit dem Ende des 14. Jahrhunderts Geschütz- und Glockengießer, darunter der Meister Bertold von Melverode, nachweisbar im Jahre 1408. Für das Jahr 1418 ist für das Haus mit der späteren Nr. 8 der Gießer Henning Bussenschutte urkundlich als Besitzer nachweisbar, der 1411 das Braunschweiger Riesengeschütz Faule Mette goss. In dem Haus wohnte von ca. 1460 bis 1600 die überregional bekannte Gießerfamilie Mente, zu deren bekanntesten Mitgliedern Hinrik Mente und dessen Sohn Cord Mente zählen. Hinrik Mente zog 1512 in ein neues Haus in der Echternstraße. Der Familienbesitz in der Kannengießerstraße (Haus Nr. 2696) fiel an Hinrik Mentes Halbbruder, den Bronzegießer Ulrich Mente (um 1495–1543) aus der 2. Ehe seines Vaters. Ulrich Mente ließ das Haus umbauen. Im Jahre 1609 gelangte es in den Besitz der Brüdernkirchen-Gemeinde.[3] Zwischen 1644 und 1747 war es im Besitz von Martin Sommeraus und dessen Erben. Im Jahre 1850 wurde es von Heinrich Georg Wilhelm Theodor Löhr gekauft.

An der Hausnummer 17 befand sich das heute zerstörte Geburtshaus von Hermann Bräss (1738–1797), Sohn eines Knopfmachermeisters. Nach dem Schulbesuch am Katharineum studierte er Theologie, arbeitete als evangelischer Pastor und gab ab 1786 die Rote Zeitung heraus, die in Wolfenbüttel gedruckt wurde.

Auf der Kannengießerstraße wurde der lutherische Theologe Ludwig Ernesti (1814–1880) geboren, wo sein Vater einen Branntweinausschank betrieb.[4]

Das Renaissancetor, das den Friedhof der Brüdernkirche zur Kannengießerstrasse hin abschloss, wurde 1757 abgebrochen.[5]

Infolge der Hungerjahre von 1845 bis 1847 gründete die Sozialreformerin Luise Löbbecke gemeinsam mit ihrer Tante Amalie Löbbecke und anderen Frauen in der Kannengießerstraße eine „Speiseanstalt für Bedürftige“. Am 10. April 1867 eröffnete Wilhelm Graff in der Kannengießerstraße eine heute noch an anderem Standort bestehende Buchhandlung mit Antiquariat. Im Haus Nr. 27 wurde 1885 der überregional bekannte Tierfotograf Hermann Fischer († 1975) geboren.

Heutige Bebauung

Heute sind nur noch die Süd- und Ostseite der Kannengießerstraße bebaut. Es wurden nach Kriegsende dreigeschossige Wohnhäuser errichtet, während an der Nordseite ein Parkplatz angelegt wurde.

Literatur

  • Johannes Angel: Kannengießerstraße. In: Luitgard Camerer, Manfred R. W. Garzmann und Wolf-Dieter Schuegraf (Hrsg.): Braunschweiger Stadtlexikon, Braunschweig 1992, ISBN 3-926701-14-5
  • Jürgen Hodemacher: Braunschweigs Straßen – ihre Namen und ihre Geschichten, Band 1: Innenstadt, Cremlingen 1995, ISBN 3-927060-11-9
  • Heinrich Meier: Die Straßennamen der Stadt Braunschweig. In: Quellen und Forschungen zur Braunschweigischen Geschichte. Band 1, Wolfenbüttel 1904

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Eckhard Schimpf: Das Geheimnis der Laufmaschine – Als in Braunschweig das Zeitalter der Individual-Verkehrsmittel begann – Die Draisine in der Kannengießerstraße, Braunschweiger Zeitung, 18. November 2002.
  2. Stadtchronik Braunschweig (Eintrag 9. September 1944) (Memento des Originals vom 14. Oktober 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  3. Stadtarchiv und Stadtbibliothek Hildesheim (Hrsg.): Alt-Hildesheim, Bände 43-47, A. Lax Verlagsbuchhandlung, 1972, S. 29.
  4. Johannes Beste: Ernesti, Heinrich Friedrich Theodor Ludwig. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 48, Duncker & Humblot, Leipzig 1904, S. 397–399.
  5. Sabine Wehking: DI 56, Nr. 685†. urn:nbn:de:0238-di056g009k0068503 (inschriften.net).