Braunschweiger Schule

Die Bezeichnung Braunschweiger Schule wird als Kennzeichnung für die Architekturlehre an der Technischen Hochschule Braunschweig in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg verwendet. Es handelt sich um eine epocheprägende Lehre an einer Architekturhochschule, die mit der Bezeichnung als Schule architekturgeschichtlich in einer Reihe steht mit der Hannoverschen Schule des späten 19. Jahrhunderts oder der Stuttgarter Schule des frühen 20. Jahrhunderts.

Erstmals publiziert wurde der Begriff Braunschweiger Schule 1961 von Ulrich Conrads, der als Chefredakteur der Bauwelt davon schrieb „daß ganz in der Stille so etwas wie eine „Braunschweiger Schule“ Umriß gewinnt“, die „zwischen Bensberg und Kiel bescheidene und bescheidenste Bauten von ganz besonderer Qualität“[2] hervorbringt.

Die Technische Hochschule Braunschweig

Die Technische Hochschule Braunschweig geht auf das 1745 in Braunschweig gegründete Collegium Carolinum zurück und wurde 1878 in Herzogliche Technische Hochschule Carolo-Wilhelmina umbenannt. Die dortige Architekturlehre besaß bereits seit dem späten 19. Jahrhundert durch Professoren wie Ludwig Winter, Constantin Uhde, Georg Lübke und Carl Mühlenpfordt überregionales Renommee. 1968 erhielt die Hochschule ihren heutigen Namen Technische Universität Carolo-Wilhelmina und feierte 1995 ihr 250-jähriges Bestehen.

Zeitliche und personelle Definition

Bei „Braunschweiger Schule“ handelt es sich nicht um einen offiziellen Begriff, sondern um eine Bezeichnung für die schulbildende Wirkung der Braunschweiger Architekturlehre in der Nachkriegszeit. Zeitlich einzugrenzen ist sie etwa von 1946 bis in die frühen 1980er Jahre. Besonderes Stilmerkmal ist die starke Verbindung von ihrem Wirkungszeitraum – der Nachkriegszeit – mit den schulbildenden Lehrinhalten als auch prägnanten Lehrerpersönlichkeiten. Personell prägend waren hauptsächlich die Professoren Friedrich Wilhelm Kraemer, Dieter Oesterlen und Walter Henn. Sie bildeten eine Art „Triumvirat der Architekturlehre“ in Braunschweig. Daneben gehörten auch Lehrer wie Johannes Göderitz, Zdenko von Strizic und Konrad Hecht dazu.

Kraemer übernahm 1946 die Professur für Gebäudelehre und Entwerfen, den Haupt-Entwurfslehrstuhl an der TH Braunschweig. Er gilt damit als Begründer der Braunschweiger Schule und setzte sich für die Berufung von Dieter Oesterlen ein, der 1952 einen zweiten Entwurfslehrstuhl übernahm, sowie von Walter Henn, der 1953 aus Dresden als Professor für Baukonstruktion und Industriebau berufen wurde.

Ihre größte Wirkung entfaltete die Schule in den 1950er und 1960er Jahren. Mit den Emeritierungen Kraemers 1974, Oesterlens 1976 und Henns 1982 zerfiel die stark personengebundene Braunschweiger Schule, wogegen sich ihr Ruf für die Architekturausbildung in Braunschweig bis heute erhalten hat.

Das Kollegium der Braunschweiger Schule

Die frühen Nachkriegsjahre

An der TH Braunschweig wird schon am 12. November 1945, als erster deutscher Hochschule, der Lehrbetrieb wieder aufgenommen. Der Beginn der Braunschweiger Schule wird durch den Eintritt von Friedrich Wilhelm Kraemer in das Kollegium markiert, der im Januar 1946 als Professor für Gebäudelehre und Entwerfen berufen wird. Weitgehend zeitgleich treten auch Johannes Göderitz als Honorarprofessor für Städtebau und Kurt Edzard als Professor für Modellieren und Aktzeichnen in die Lehre ein, 1948 wird Robert Schniete als Professor für Hochbaustatik berufen.

Neben Kraemer vertritt Julius Petersen als Professor für Baukonstruktion und Gebäudekunde die Entwurfslehre. Petersen, der sich vor allem im Bereich der Bauernhausforschung einen Namen gemacht hatte, war 1934 an die Braunschweiger Fakultät für Bauwesen berufen worden. Daneben sind auch die Architekten Herman Flesche, der seit 1924 als Professor für Bau- und Kunstgeschichte in der Lehre tätig ist, und Daniel Thulesius, der bereits seit 1918 das Fach Architekturzeichnen und Raumkunst vertritt, wichtige Mitglieder der frühen Braunschweiger Schule. Vervollständigt wird das Kollegium durch den Bauingenieur Theodor Kristen, der seit 1937 als Professor für Baustoffkunde und Stahlbetonbau an der Fakultät für Bauwesen lehrt.

Die Kernphase der Braunschweiger Schule

Mit den Berufungen des Hannoveraner Architekten Dieter Oesterlen 1952 als zweitem Entwurfsprofessor sowie des Dresdner Architekten Walter Henn 1953 als Nachfolger von Petersen auf dem Lehrstuhl für Baukonstruktion und Industriebau setzt die Kernphase der Braunschweiger Schule ein, die sich in einer Zeit des Aufschwungs während des Wirtschaftswunders entfaltet. Kraemer war an beiden Berufungen maßgeblich beteiligt.

Das Kollegium, das bis dahin in Teilen noch mit Professoren besetzt war, die noch zur Zeit der Reformbestrebungen während der Weimarer Republik unter dem damaligen Dekan der Architekturabteilung Carl Mühlenpfordt oder den frühen Jahren des Dritten Reichs berufen worden waren, wird ab Mitte der 1950er Jahre personell erneuert. 1956 übernimmt Konrad Hecht den Lehrstuhl für Bau- und Kunstgeschichte als Nachfolger von Flesche. Mit Klaus Pieper als Professor für Hochbaustatik, Karl Kordina als Professor für Baustoffkunde und Heinz Röcke als Professor für Architekturzeichnen und Raumgestaltung treten 1959 drei neue Lehrkräfte in das Kollegium ein. 1961 wird Edzards Lehrstuhl mit Jürgen Weber nachbesetzt, 1962 wird Göderitz‘ bisherige Honorarprofessur mit der Nachbesetzung durch Herbert Jensen als ordentlicher Lehrstuhl für Städtebau, Wohnungswesen und Landesplanung an der Fakultät konsolidiert.

Aufgrund stark wachsender Studentenzahlen werden in dieser Phase zudem drei neue Professuren eingerichtet. Der Braunschweiger Kirchenbaurat Friedrich Berndt wird 1953 als Honorarprofessor für Baukonstruktion und Technischen Ausbau berufen, er prägt an der Braunschweiger Schule aber vor allem das Entwurfsthema des Kirchenbaus. Für die Baukonstruktionslehre wird 1959 ein weiterer Lehrstuhl eingerichtet, der mit Justus Herrenberger besetzt wird, der selber erst 1947 sein Diplom an der Braunschweiger Schule abgelegt hatte. 1962 wird schließlich ein dritter Entwurfslehrstuhl geschaffen, auf den der kroatische Architekt Zdenko von Strizic berufen wird.

Jahre des Umbruchs

Das Kollegium der Braunschweiger Schule erlebt in dieser in den 1950er Jahren etablierten Besetzung eine weitgehende Kontinuität, die bis zu den Emeritierungen von Kraemer 1974 und Oesterlen 1976 andauert. Doch schon zuvor, unter den Vorzeichen der gesellschaftlichen Umbrüche der späten 1960er Jahre, hatte die Spätphase dieser Architekturschule begonnen. Zu kleineren personellen Veränderungen kommt es ab 1965, als Berthold Gockell die Nachfolge von Berndt als Professor für Technischen Ausbau antritt, und 1968, als Gallus Rehm den Lehrstuhl für Baustoffkunde von Kordina übernimmt. 1970 wird Hansmartin Bruckmann neuer Professor für Städtebau als Nachfolger für den 1968 verstorbenen Jensen.

Der allgemeine gesellschaftliche und hochschulpolitische Wandel, der sich 1968 in der Umwidmung der Technischen Hochschule als Technische Universität Braunschweig manifestiert, kommt in einer erneuten Erweiterung des Kollegiums durch einen vierten Entwurfslehrstuhl 1967 zum Ausdruck. Dieser wird mit dem süddeutschen Architekten Manfred Lehmbruck besetzt. Zudem wird, als vorgezogene Nachfolge für Strizic, der 1972 aus dem Kollegium ausscheidet, 1970 Roland Ostertag neu berufen. Um den beständig wachsenden Studentenzahlen in dieser Reformphase des deutschen Hochschulwesens zu begegnen, stehen an der Braunschweiger Schule um 1970 also fünf Entwurfslehrstühle gleichzeitig zur Verfügung. Die ursprünglich starke persönliche Prägung dieser Schule durch das Triumvirat von Kraemer, Oesterlen und Henn geht dadurch weitgehend verloren.

Weitere personelle und fachliche Umbrüche ergeben sich ab Mitte der 1970er Jahre, im Umfeld der Emeritierungen von Kramer und Oesterlen. Infolge der Kritik an der von den Studenten der 68er-Bewegung als veraltet empfundenen Baugeschichtslehre von Hecht wird 1973 ein zweiter Geschichtslehrstuhl eingerichtet, der als Professur für Architektur- und Stadtbaugeschichte mit dem Tübinger Kunsthistoriker Jürgen Paul besetzt wird. Auf die zunehmende Bedeutung sozialwissenschaftlicher und stadtplanerischer Themen reagiert die Fakultät mit der Ausweitung der Städtebaulehre. 1973 erhält Reinhardt Guldager eine neu eingerichtete Professur für Entwicklungsplanung und Siedlungswesen, 1975 wird Ferdinand Stracke Nachfolger für den nach Stuttgart gewechselten Bruckmann, und 1978 wird mit dem Lehrstuhl für städtebauliche Planung eine dritte Professur in diesem Bereich geschaffen, die mit Gottfried Schuster besetzt wird. Diese personellen und fachlichen Wandlungen des Kollegiums sind symptomatisch für das Ende der thematisch in der Nachkriegszeit zu verortenden Braunschweiger Schule.

Die Absolventen der Braunschweiger Schule

Zahlreiche Absolventen der Braunschweiger Schule machen nach ihrem Diplom als selbstständige Architekten Karriere. Vor allem im norddeutschen Raum wird das Erscheinungsbild zahlreicher Städte von Braunschweiger Schülern maßgeblich mitgestaltet. Bis heute lassen sich einige weltweit agierende Architekturbüros wie gmp, KSP Engel, Gerber Architekten, PSP Architekten Ingenieure oder SEP Architekten auf ihre Ursprünge an der Braunschweiger Schule zurückführen.

Entwicklung der Absolventenzahlen

Im Zeitraum zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Mitte der 1970er Jahre legen rund 1.500 Architektur-Studierende ihr Diplom an der TH (seit 1968: TU) Braunschweig ab. Die Absolventenzahlen steigen im Laufe dieser drei Jahrzehnte: während im ersten Jahrzehnt bis Ende 1955 insgesamt 421 Diplomanden die Hochschule verlassen, sind es bis Ende 1965 schon 442 Diplomanden. Im Zuge der Hochschulreformen steigen die Diplomandenzahlen zwischen 1966 und 1975 auf 625 an.

Liste namhafter Absolventen (zwischen 1945 und 1975)
  • 1944 – 1947: Walter Höltje – Architekt in Dortmund, Professor an der Fachhochschule Holzminden
  • 1943 – 1948: Jürgen Marlow – Architekt in Hamburg, Präsident der Hamburgischen Architektenkammer
  • 1939 – 1949: Gerolf Garten – Architekt in Hamburg (Partner im Büro Garten & Kahl)
  • 1944 – 1949: Bernhard Dexel – Architekt in Hamburg
  • 1939 – 1949: Ernst Winterstein – Architekt in Braunschweig
  • 1945 – 1949: Georg Lippsmeier – Architekt in Düsseldorf und München, Gründer des Instituts für Tropenbau
  • 1945 – 1949: Karl-Heinz Riecke – Architekt in Hamburg (Partner im Büro Kallmorgen & Partner)
  • 1945 – 1949: Willi-Ernst Schüler – Architekt in Rendsburg
  • 1945 – 1950: Friedrich Jelpke – Architekt in Salzgitter, Professor an der TH Braunschweig
  • 1946 – 1950: Ernst Sieverts – Architekt in Braunschweig und Köln (Partner im Büro KSP Kraemer, Sieverts & Partner)
  • 1945 – 1950: Christian Farenholtz – Stadtplaner in Hamburg, Baubürgermeister in Stuttgart, Professor an der TU Hamburg-Harburg
  • 1945 – 1950: Gerd Laage – Architekt in Braunschweig und Stuttgart (Partner im Büro Schweitzer, Laage, Weisbach & Marondel)
  • 1945 – 1950: Ortwin Rave – Architekt in Münster (Partner im Büro Rave & von Hausen)
  • 1946 – 1951: Karl-August Welp – Architekt in Bremen, Professor an der HfK Bremen
  • 1945 – 1952: Gerhard Kierig – Architekt in Braunschweig und Gifhorn
  • 1946 – 1952: Rudolf Gerdes – Architekt in Wolfsburg
  • 1946 – 1952: Günther Schniepp – Architekt in Braunschweig
  • 1946 – 1952: Hans-Jürgen Hinze – Architekt in Braunschweig
  • 1947 – 1952: Otto-Heinz Groth – Architekt in Dortmund, Professor an der Gesamthochschule Wuppertal
  • 1948 – 1953: Bert Ledeboer – Architekt in Hannover (Partner im Büro Hübotter, Ledeboer & Romero)
  • 1948 – 1953: Rüdiger Hoge – Architekt in Kiel (Partner im Büro Diedrichsen & Hoge)
  • 1948 – 1953: Gerhart Laage – Architekt in Hamburg, Professor und Rektor an der TU Hannover, Präsident der Bundesarchitektenkammer
  • 1949 – 1954: Horst Beier – Architekt in Braunschweig (Büro Beier Architekten)
  • 1949 – 1955: Rüdiger Henschker – Architekt in Braunschweig, Professor an der LFU Innsbruck
  • 1947 – 1955: Horst Laskowski – Architekt in Braunschweig
  • 1949 – 1955: Wolfgang Baumgart – Architekt in Celle
  • 1950 – 1955: Günter Pfennig – Architekt in Braunschweig (Partner im Büro KPS Kraemer, Pfennig & Sieverts)
  • 1950 – 1955: Hans-Joachim Pysall – Architekt in Braunschweig (Partner im Büro Pysall, Stahrenberg & Partner)
  • 1951 – 1956: Hans-Peter Diedrichsen – Architekt in Kiel (Partner im Büro Diedrichsen & Hoge)
  • 1949 – 1957: Hans Latta – Architekt in Oldenburg (Partner im Büro Latta & Hölscher)
  • 1951 – 1957: Hans Joachim Hölscher – Architekt in Oldenburg (Partner im Büro Latta & Hölscher)
  • 1951 – 1957: Kurt Berger – Architekt in Braunschweig
  • 1950 – 1958: Peter-Georg Lachmann – Architekt in Braunschweig
  • 1952 – 1958: Klaus Fangmeier – Architekt in Braunschweig und Osnabrück (Partner im Büro Hafkemeyer, Fangmeier & Richi)
  • 1953 – 1958: Alois Hafkemeyer – Architekt in Braunschweig und Osnabrück (Partner im Büro Hafkemeyer, Fangmeier & Richi), Ratsherr der Stadt Braunschweig
  • 1952 – 1958: Ulrich Hausmann – Architekt in Braunschweig
  • 1953 – 1958: Dirk-Erich Kreuter – Architekt in Braunschweig
  • 1953 – 1959: Horst von Bassewitz – Architekt in Hamburg
  • 1951 – 1961: Gerhard Kamps – Architekt in Hamburg
  • 1954 – 1961: Hinrich Storch – Architekt in Hannover (Partner im Büro Storch Ehlers Partner)
  • 1956 – 1962: Walter Ehlers – Architekt in Hannover (Partner im Büro Storch Ehlers Partner)
  • 1956 – 1962: Renate Giesler – Architektin in Braunschweig (Büro Giesler, Giesler & Partner)
  • 1957 – 1962: Hans-Joachim Giesler – Architekt in Braunschweig (Büro Giesler, Giesler & Partner)
  • 1956 – 1962: Klaus Kafka – Architekt in Dortmund (Partner im Büro LTK Laskowski, Thenhaus, Kafka), Professor an der Universität Hannover
  • 1955 – 1963: Diethelm Hoffmann – Architekt in Kiel (Partner im Büro Jungjohann + Hoffmann), Professor an der FH Kiel
  • 1956 – 1963: Reinhold Schadt – Architekt in Braunschweig
  • 1956 – 1964: Meinhard von Gerkan – Architekt in Hamburg (Partner im Büro gmp), Professor an der TU Braunschweig
  • 1956 – 1964: Volkwin Marg – Architekt in Hamburg (Partner im Büro gmp), Professor an der RWTH Aachen
  • 1957 – 1964: Volker Kersten – Architekt in Braunschweig (Partner im Büro Kersten Martinoff Struhk)
  • 1958 – 1964: Gottfried Schuster – Professor an der TU Braunschweig
  • 1958 – 1965: Dietbert Galda – Architekt in Braunschweig (Partner im Büro Galda, Kaiser + Böttcher)
  • 1958 – 1965: Klaus Nickels – Architekt in Hamburg (Partner im Büro Nickels, Ohrt + Partner)
  • 1958 – 1965: Hans-Jürgen Tönnies – Architekt in Braunschweig
  • 1958 – 1965: Dieter Husemann – Architekt in Braunschweig (Partner im Büro Husemann & Wiechmann)
  • 1959 – 1966: Erich Martinoff – Architekt in Braunschweig (Partner im Büro Kersten Martinoff Struhk)
  • 1959 – 1966: Eckhard Gerber – Architekt in Dortmund (Büro Gerber Architekten), Professor an der Bergischen Universität Wuppertal
  • 1959 – 1966: Peter Stahrenberg – Architekt in Braunschweig (Partner im Büro im Büro Pysall, Stahrenberg & Partner), Präsident der Architektenkammer Niedersachsen
  • 1957 – 1967: Lutz Käferhaus – Architekt in Braunschweig (Partner im Büro KSP Kraemer, Sieverts & Partner)
  • 1959 – 1967: Dieter Quiram – Architekt in Braunschweig und Bremen, Professor an der Hochschule Bremen
  • 1957 – 1967: Fouad Richi – Architekt in Braunschweig und Osnabrück (Partner im Büro Hafkemeyer, Fangmeier & Richi)
  • 1960 – 1968: Helge Bofinger – Architekt in Braunschweig und Berlin, Professor an der TU Dortmund
  • 1961 – 1968: Gerd Lindemann – Architekt in Braunschweig (Partner im Büro Gerd Lindemann + Partner)
  • 1963 – 1969: Uwe Schüler – Architekt in Rendsburg
  • 1961 – 1970: Harmen Thies – Professor an der TU Braunschweig
  • 1963 – 1970: Olaf Pook – Architekt in Braunschweig (Partner im Büro Pook, Leiska & Partner)
  • 1964 – 1971: Michael Krämer – Architekt in Hamburg (Partner im Büro im Büro Pysall, Stahrenberg & Partner)
  • 1966 – 1971: Heiko Vahjen – Architekt in Braunschweig (Partner im Büro Henze & Vahjen)
  • 1965 – 1972: Joachim Lepper – Architekt in Braunschweig und Frankfurt
  • 1965 – 1972: Knud Schnittger – Architekt in Kiel (Partner im Büro Schnittger Architekten + Partner)
  • 1966 – 1973: Wilfried Dechau – Chefredakteur der db deutsche bauzeitung
  • 1966 – 1973: Martin Thumm – Professor an der HAWK
  • 1967 – 1973: Bernhard Hirche – Architekt in Hamburg, Professor an der Fachhochschule Hamburg
  • 1967 – 1975: Carsten Henze – Architekt in Braunschweig (Partner im Büro Henze & Vahjen)
  • 1967 - 1975: Peter Riemann – Architekt in Bonn und Starnberg, Associate Professor Virginia Tech und Professor i. V. Technische Hochschule Köln
  • 1969 – 1975: Hartmut Rüdiger – Architekt in Braunschweig (Partner im Büro Architekten Rüdiger)
  • 1969 – 1975: Ingeborg Rüdiger – Architektin in Braunschweig (Partner im Büro Architekten Rüdiger)

Architekturgeschichtliche Wirkung

Die Braunschweiger Schule war eine einflussreiche deutsche Architekturschule der Nachkriegszeit. Hauptsächlich für den norddeutschen Raum prägend, ist sie an Reputation und Wirkung vergleichbar mit der Karlsruher Schule in Süddeutschland. Ihre Lehre basierte auf den Idealen des Neuen Bauens, der modernen Architektur der 1920er und frühen 1930er Jahre. Im Vordergrund stand das Streben nach einer „gesamtheitlichen“ Architektur unter Berücksichtigung der drei Aspekte Funktion, Konstruktion und Form, die in einer systematischen, werkbezogenen Lehre zusammengefasst wurden. Demgegenüber sollten nach der Programmatik dieser Schule stilistische oder regionalistische Fragen keine besondere Rolle spielen.

Die drei maßgeblichen Lehrer vertraten die einzelnen Aspekte in individueller Ausprägung: Kraemer vertrat vor allem den Bereich der Funktionslehre, die er mit seinen zahlreichen Bürohausbauten illustrierte. Für die konstruktiven Fragen war hauptsächlich Henn verantwortlich, mit besonderer Ausprägung im Industriebau. Mit einem mehr künstlerisch geprägten Entwurfsansatz deckte Oesterlen dagegen besonders das Themengebiet der formalen Gestaltung ab. Allen dreien gemeinsam war jedoch, trotz individueller Schwerpunkte, die umfassende Betrachtung aller drei Aspekte, um einer Zersplitterung der Lehre entgegenzuwirken.

Der Rationalismus hatte besonderen Einfluss auf die Braunschweiger Schule. So vertrat Kraemer die Auffassung, „daß subjektiver Willkür übergeordnete Ordnungsphänomene […] entgegenstehen“. Gerade im Bereich der Gestaltung entwickelte er eine Proportionslehre, aufbauend auf dem Raster als architektonischer Basis. Geprägt von einem Raumverständnis, dem eine städtebauliche Auflockerung und die Verwendung stereometrischer Baukörper zugrunde lagen, sprach Kraemer von Raum als der „Lagebeziehung von Körpern“. Die Braunschweiger Schule wirkte auch in Bezug mit dem Umgang mit historisch gewachsener Bausubstanz durch Oesterlens Lehre vom „Gebundenen Kontrast“ prägend.

Die Braunschweiger Schule nimmt für sich in Anspruch, ihre besondere Stellung innerhalb der deutschen Architekturlandschaft der Nachkriegszeit sowohl durch die persönliche Autorität ihrer Lehrer als auch durch den in der Lehre vertretenen Anspruch wissenschaftlicher Objektivierbarkeit gewonnen zu haben. Durch Systematik und die Kombination von Funktion, Konstruktion und Form wollte sie Sicherheit in der Frage um die „richtige“ Architektur in der Nachfolge der Architektur im Nationalsozialismus vermitteln. Ihre reduktionistisch-sachliche, auch an internationalen Vorbildern orientierte, Architektur beeinflusste das Bild der deutschen Nachkriegsarchitektur nachhaltig. Durch Schüler, wie Eckhard Gerber, Meinhard von Gerkan, Volkwin Marg, Hans-Joachim Pysall, Peter Stahrenberg oder Hans Struhk wirkt sie bis heute fort.

Kritik an der Braunschweiger Schule

Die Braunschweiger Schule bzw. ihre Vertreter waren zum Teil erheblicher Kritik ausgesetzt: Kraemer wurde beispielsweise Anfang der 1960er Jahre durch den Braunschweiger Landeskonservator Kurt Seeleke zum Vorwurf gemacht, sich nicht – zusammen mit seinen einflussreichen Kollegen – stärker oder zu spät für den Erhalt des Braunschweiger Schlosses eingesetzt zu haben. Weitere Kritik erfuhr die Schule im Zusammenhang mit Parallelentwicklungen wie der „autogerechten Stadt“ eines Hans Bernhard Reichow oder dem sachlichen Reduktionismus dahingehend, dass ihr vorgeworfen wurde, bauliche Fremdkörper in mittelalterliche geprägte Städte gesetzt zu haben, die weder auf historische gewachsene Stadtgrundrisse und -landschaften noch auf die Nachbarbebauung in angemessener Weise Rücksicht genommen hätten.

Beispielhafte Bauten (Auswahl)

Symbol einer Weltkugel Karte mit allen Koordinaten: OSM | WikiMap

Bild Gebäude Lage Baujahr Entwurf Bemerkung
Braunschweig Pfeiffer u Schmidt ehemaliges Gebaeude (2012).jpg Verwaltungsgebäude Pfeiffer & Schmidt Braunschweig
(52° 15′ 51″ N, 10° 31′ 7″ O)
1952 Friedrich Wilhelm Kraemer[3]
BS Flebbe Haus.JPG Warenhaus Flebbe[4] Braunschweig
(52° 15′ 45″ N, 10° 31′ 32″ O)
1954 Friedrich Wilhelm Kraemer
BS TU Okerhochhaus.JPG Hochhaus der Fakultät für Bauwesen der Technischen Universität Braunschweig Braunschweig
(52° 16′ 23″ N, 10° 31′ 30″ O)
1956 Dieter Oesterlen[5]
Headquarter UnterharzerBerg-undHuettenwerke.jpg Verwaltungsgebäude Unterharzer Berg- und Hüttenwerke Goslar
(51° 54′ 6″ N, 10° 25′ 8″ O)
1958 Friedrich Wilhelm Kraemer[3]
Mensa 1 Katharinenstraße Braunschweig von außen.jpg Braunschweiger Mensa des Studentenwerks Ostniedersachsen Braunschweig
(52° 16′ 29″ N, 10° 31′ 34″ O)
1962 Walter Henn[6] Das Gebäude wurde in den frühen 2000er Jahren durch Entkernung, Neuaufteilung und Fassadensanierung erheblich verändert. (Bild)
Jahrhunderthalle Frankfurt.jpg Jahrhunderthalle[7] Frankfurt am Main, Unterliederbach
(50° 5′ 57″ N, 8° 31′ 8″ O)
1963 Friedrich Wilhelm Kraemer
und
Ernst Sieverts
Halle auf einer rechteckigen Basis mit einer Kuppel von 100 m Durchmesser. Der Kuppelsaal umfasst eine Fläche von 4800 m² und bietet Platz für bis zu 4800 Personen.[8]
BS Inst Kolben-Stoemungsmasch.JPG Institut für Kolben- und Strömungsmaschinen der Technischen Universität Braunschweig
(52° 16′ 39″ N, 10° 32′ 18″ O)
1965 Walter Henn
Building Historisches Museum Burgstrasse Pferdestrasse Mitte Hannover Germany.jpg Historisches Museum am Hohen Ufer Hannover
(52° 22′ 19″ N, 9° 43′ 53″ O)
1966 Dieter Oesterlen
Hellabrunner Str. 1 Osram Muenchen-2.jpg Hauptverwaltung Osram Licht AG München
(48° 6′ 44″ N, 11° 33′ 57″ O)
1966 Walter Henn[6] Kubischer, sechsgeschossiger Stahlskelettbau über quadratischem Grundriss, Aluminium-Glas-Vorhangfassade, Eingangsvordach auf Stützen. Foyer mit Glasprismenwand von Alois Ferdinand Gangkofner und Holzintarsienwand von Fred Stelzig.
Im Jahr 2015 wurde der Abriss des Gebäudes beschlossen.[9]
Der Abriss erfolgte um 2018.[10]
Forumsgebäude.JPG Universitätsforum der Technischen Universität Braunschweig
(52° 16′ 25″ N, 10° 31′ 47″ O)
1957–1971 Friedrich Wilhelm Kraemer[3]
BS Kurt-Schumacher-Str12 alt.JPG Gebäudeensemble Kurt-Schumacher-Straße
(Iduna-Wohnhochhäuser, Ladenzentrum und Atrium-Hotel)
Braunschweig
(52° 15′ 14″ N, 10° 32′ 11″ O)
1965–1972 Friedrich Wilhelm Kraemer Die originale Fassadengestaltung wurde durch Sanierungsmaßnahmen erheblich verändert.

Literaturauswahl

  • Dieter Oesterlen: Bauten und Texte. 1946–1991. Wasmuth, Tübingen / Berlin 1992, ISBN 3-8030-0153-6.
  • Roland Böttcher, Kristiana Hartmann, Monika Lemke-Kokkelink: Die Architekturlehrer der TU Braunschweig. in. Braunschweiger Werkstücke. Band 41. Stadtbibliothek, Braunschweig 1995, ISBN 3-87884-046-2.
  • Holger Pump-Uhlmann: Die „Braunschweiger Schule“ in: TU Braunschweig: Vom Collegium Carolinum zur Technischen Universität 1745–1995. S. 747, Olms, Hildesheim 1995, ISBN 3-487-09985-3.
  • Karin Wilhelm, Olaf Gisbertz, Detlef Jessen-Klingenberg, Anne Schmedding: Gesetz und Freiheit. Der Architekt Friedrich Wilhelm Krämer (1907–1990). Jovis, Berlin 2007, ISBN 978-3-939633-20-4.
  • Olaf Gisbertz: Marke und Mythos – „Braunschweiger Schule“, in: Klaus Jan Philipp / Kerstin Renz (Hrsg.): Architekturschulen – Programm, Pragmatik, Propaganda, S. 159–171. Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen / Berlin 2012, ISBN 978-3-8030-0750-6.
  • Olaf Gisbertz (Hrsg.) für das Netzwerk Braunschweiger Schule: Nachkriegsmoderne kontrovers. Positionen der Gegenwart. Jovis Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-86859-122-4.
  • Anne Schmedding, Zwischen Tradition und Moderne: Die "Braunschweiger Schule". Architektenausbildung an der TU/TH Braunschweig nach 1945 bis Ende der 60er Jahre, in: Detlef Schmiechen-Ackermann, Hans Otte und Wolfgang Brandes (Hrsg.): Hochschulen und Politik in Niedersachsen nach 1945 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, Bd. 274), Göttingen 2014, S. 41–52, ISBN 978-3-8353-1535-8
  • Martin Peschken, Arne Herbote, Anikó Merten, Christian von Wissel (Hrsg.): Findbuch Braunschweiger Schule: Architekturdiplom 1945–2015. Institut für Geschichte und Theorie der Architektur und Stadt (GTAS) – Technische Universität Braunschweig, Braunschweig 2015, ISBN 978-3-00-049621-9
  • Jan Lubitz: Die „Braunschweiger Schule“, in: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 2021, Heft 2, Seite 32–39.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Katja Bernhardt: „Schule“ – ein überholter Ordnungsbegriff mit Potenzial. In: Philipp / Renz (Hrsg.): Architekturschulen – Programm, Pragmatik, Propaganda, S. 29–37. Wasmuth, Tübingen 2012, ISBN 978-3-8030-0750-6.
  2. Ulrich Conrads: Lehrstühle und Leerstühle. Eine Randnotiz zu den Bauten in diesem Heft und zu einigem anderen mehr. In: Bauwelt 11/1961, S. 305. Ullstein, Berlin 1961
  3. a b c F. W. Kraemer auf architekten-portrait.de
  4. Das Warenhaus Flebbe, Braunschweig auf architekten-portrait.de
  5. D. Oesterlen auf architekten-portrait.de
  6. a b W. Henn auf architekten-portrait.de
  7. Jahrhunderthalle bei structurae.de
  8. Webseite der Jahrhunderthalle Frankfurt, abgerufen am 8. Juli 2018
  9. Linda Jessen: Abriss und Neubau bei Osram. Abendzeitung, 28. Dezember 2015, abgerufen am 13. November 2016.
  10. Osram Hauptverwaltung. In: henn.com. Abgerufen am 23. Mai 2022.